„Zündschloss is’ links!“ - Mein Leben als Frau im Motorsport

Es ist nicht immer einfach, aber auf jeden Fall immer aufregend. Was ich bisher im Automotive und Motorsport Bereich erlebt habe und wie ich überhaupt dazu gekommen bin, gibt es in meinem Blog zu lesen. Immer mit einem Augenzwinkern, immer ehrlich und aus dem Herzen gesprochen.  ;)

 

 

 #1 Warum ich nie die Wendy gelesen habe und ein Audi 80 der sichere Hafen meiner Kindheit war

November 2021

Ja, warum habe ich das nicht getan? Schließlich war ich ja schon immer ein Mensch weiblichen Geschlechts und kleine Mädchen mögen Pferde. Mochte ich auch. Aber eher im Sinne von „unter der Haube“. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als meine Familie es gut mit mir meinte und mir im Alter von sieben Jahren eine Baby Born Puppe schenkte, mit allem Pipapo. Die Puppe hatte sogar eine Audiofunktion, sie konnte weinen, man konnte sie mit einer Flasche füttern und das gefütterte landete später in einer Windel, die man wechseln konnte. Tolle Idee, irgendwie. Was soll ich sagen, ich habe nicht mit der Puppe gespielt. Mein Bruder kam gerade zur selben Zeit auf die Welt, also verstand ich nicht wirklich die Notwendigkeit, das Dasein eines Neugeborenen zu simulieren. 

Was ich mir stattdessen sehr lange wünschte: ein ferngesteuertes Auto! 

Oh jaaa, das war wirklich ein inniger Wunsch von mir. Die Vorstellung, einen Wagen dahin fahren zu lassen, wo man wollte, das Geräusch der elektrisch angetriebenen Achsen und dann ich. Ganz cool mit der Funkfernbedienung in der Hand (die waren in den Neunzigerjahren noch richtig klobig). So stellte ich mir das vor. Sehr lange. Eines Tages bekam ich tatsächlich ein ferngesteuertes Auto, es war die Kunststoffversi0n eines Golf GTI, wenn ich mich nicht täusche. Die Sache hatte nur einen Haken: es hatte keine Funkfernbedienung. Da hing aus dem Heckteil meines Batterie-Flitzers ein etwa 1,5 Meter langes, hauchdünnes Kabel heraus, schnurstracks in das klobige Bedienteil. Für alle Personen der Generation jenseits der 2000er, die keine Vorstellung haben, wie sehr das Gefühl von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten mit einem Kabel eingeschränkt wird: der Akku eures Smartphones hat nur noch 5% und es hängt am Strom. Mehr gibt es nicht zu sagen. 

Ich war aber trotzdem dankbar. Meine Kindheit war nie von materiellem Überfluss geprägt und so freute ich mich über das Gefühl des Fahrtwinds, auch wenn es dadurch zustande kam, dass ich hinter meinem Auto herlaufen musste. Es gibt allerdings einen Wunsch, der mir nie erfüllt wurde. Das BMX Rad im Neckermann Katalog. Verchromt war es, mit einem Schriftzug in petrol auf dem Oberrohr, 699 DM. Unzählige Ausgaben des Katalogs habe ich auf meinem Schoß, auf dem Sofa meiner Großeltern sitzend, durchgeblättert, Jahr für Jahr, und habe von diesem Rad geträumt. Nun, was ich dadurch gelernt habe: Manche Dinge bleiben im Leben ein Traum, aber der Wunsch kann dich unglaublich vorantreiben. 

Apropos Großeltern. Meiner Meinung nach, hat mein Opa am meisten zu meiner automobilen Leidenschaft beigetragen. Er war in seinen jüngeren Jahren immer Auto-verrückt und fuhr trotz Fabrikarbeiterlohn am liebsten Audi oder auch einen Scirocco. Da hatte er richtig Spaß, wie er später immer wieder erzählt. „Der ging richtig vorwärts, das war ein schönes Auto.“ 

Das erste Auto meiner Großeltern an das ich mich bewusst erinnere, war ein Audi 80, Benziner. Mein Opa fuhr, wie es sich für den deutschen Autofahrer gehört, fast jedes Wochenende in die Waschanlage. Ich durfte mit, es war auch gar nicht weit, die Tankstelle mit angeschlossener Waschstraße ist bis heute 400 Meter Luftlinie vom Wohnsitz meiner Großeltern entfernt. So weit, so unspektakulär. Für mich war das absolute Highlight: ich durfte im Auto sitzenbleiben. Nun muss man dazu sagen, früher war das eigentlich nicht erlaubt. Man fuhr das Auto in die Halle, stieg aus, drückte außen auf den Startknopf der Anlage, das Tor fuhr herunter, das Auto wurde gewaschen und getrocknet, Tor fuhr wieder hoch, fertig. Und währenddessen wartete man brav vor dem Tor, rauchte wahrscheinlich eine Zigarette (bei meinem Opa war es Ernte 23) und spähte ab und zu durch die tropfnassen Fenster des Rolltores. So machte man das zumindest, wenn man erwachsen war. Ich war aber das Enkelkind und durfte das Waschprozedere auf den Polstern der Rücksitzbank verfolgen. Das ist mir bis heute sehr präsent im Gedächtnis geblieben und hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass der Innenraum eines Autos für mich ein sicherer Raum ist, in dem ich mich gerne aufhalte. Das Geräusch, der riesigen Bürsten die über die Frontscheibe und das Schiebedach schrubben, danach der wirklich riesige Fön, der die Wassertropfen vom Audi pustet, daran erinnere ich mich noch sehr genau. Und an das Gefühl, dass mir trotz allem Tohuwabohu nichts passiert.  

Mit dem Audi sind wir in den Ferien auch sehr oft nach Wollin gefahren und haben dort Teile der Familie meiner Oma besucht. Das wird jetzt niemand kennen, was nicht verwunderlich ist, lebten doch damals etwa 500 Seelen in dem Örtchen in mitten von Feldern, soweit das Auge reichte. Der nächstgrößere Ort war Brandenburg an der Havel. Google Maps hat mir verraten, dass es im Ort mittlerweile einen Burger King gibt und eine eigene Autobahnauffahrt direkt auf die A2. Das gab es damals nicht, da bin ich noch mit dem hellblauen Klapprad über das Kopfsteinpflaster unter der Autobahnbrücke in den nächsten Ort gefahren. Die Autobahn war gesperrt oder zumindest sehr wenig befahren, das müsste ich nochmal genauer erfragen. 

Auf jeden Fall war das eine etwa 550km lange Tour, die generell morgens zwischen 4 und 5 Uhr gestartet wurde. In den Neunzigern bestanden die Autobahnen jenseits der ehemaligen Grenze der DDR noch aus Betonplatten. Kilometerweit. Dedumm, dedumm, dedumm. Das war das Geräusch welches mir signalisierte, dass wir es bald geschafft hatten. Ich gehöre auch noch zu der Generation die weiß, wie es sich anhört mit geöffnetem Schiebedach über die Autobahn zu fahren. Rund sechs Stunden Fahrt hatte ich dann auf der Rückbank mit Capri Sonne und Käsebroten aus der Kühlbox hinter dem Beifahrersitz ausgeharrt, hatte nie nach einer Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg Kassette verlangt. Es lief immer Radio und ich hatte auch nicht das Bedürfnis zu fragen, wann wir endlich da sein würden. Ich saß im Audi, der Fels in der Brandung, der sichere Hafen, mein Opa am Steuer. Mir war klar, dass wir bald und sicher ankommen. 

Das ist heute immer noch so, wenn ich neben jemandem im Auto sitze dem ich vertraue. Dann bin ich ganz still, schaue aus dem Fenster und lausche den Geräuschen des fahrenden Autos. Ab und zu ist das Fenster der Fahrerseite geöffnet und der Qualm einer Zigarette zieht nach draußen in die Nacht. So wie damals und alles ist in Ordnung. 

 

 
 
 
 
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